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Aus dem Alltag eines Redners: Wenn es beim Abschied auf den richtigen Menschen ankommt

Abschied für Markus Wacker in Rötenberg – und warum ein persönlicher Abschied manchmal ganz kurzfristig entsteht.

Samstag, später Nachmittag.

Mein Handy klingelt.

Am anderen Ende ist Teresa, die Schwester von Markus Wacker.

Sie hatte meine Telefonnummer nicht irgendwo herausgesucht, sondern auf dem Mobiltelefon ihres verstorbenen Bruders Markus gefunden.

Und genau deshalb begann dieser Abschied für mich auf eine eher ungewöhnliche Weise.

Drei Tage vor der Beisetzung war noch nichts klar.

Markus war am 4. August 2026 im Alter von nur 53 Jahren verstorben. Die Trauerfeier und Urnenbeisetzung sollte bereits am darauffolgenden Dienstag, dem 11. August, auf dem Friedhof in Rötenberg stattfinden.

Ursprünglich war bereits ein Trauerredner ausgewählt worden. Allerdings hatte das Vorgespräch bei Teresa einen Eindruck hinterlassen, der ihr keine Ruhe ließ.

Der Termin begann mit einer Verspätung von rund 45 Minuten, weil der Redner zu spät kam. Nach gerade einmal zwölf Minuten war das Gespräch dann bereits wieder beendet.

Noch schwerer wog jedoch etwas anderes: Teresa hatte nicht das Gefühl, dass sich der Redner wirklich für Markus interessierte. Seine Geschichte, seine Persönlichkeit und das, was ihn als Menschen ausgemacht hatte, schienen kaum eine Rolle zu spielen. Auch ihre Wünsche für den Abschied bekamen nicht den Raum, den sie sich dafür gewünscht hätte.

Für einen Angehörigen, der gerade einen Menschen verloren hat, ist das eine schwierige Situation.

Denn eine Trauerfeier kann man nicht einfach ein zweites Mal machen. Dieser eine Abschied kommt nur einmal.

Dann fand Teresa meine Nummer

Teresa kannte mich offenbar aus dem Leben ihres Bruders. Irgendwann stieß sie deshalb auf meinen Kontakt in Markus‘ Handy.

Also rief sie mich an.

Wir telefonierten kurz und waren uns schnell einig, dass wir uns persönlich treffen sollten. Noch am selben Abend.

21 Uhr.

Während andere Menschen ihren Samstagabend ausklingen ließen, saßen Teresa und ich zusammen und begannen, den Abschied für Markus neu zu denken.

Wir sprachen über ihn, unsere gemeinsame Schulzeit und seine Jahre in Berlin. Natürlich ging es auch um seine Musik, seinen Humor, seine Gelassenheit und seine besonderen Eigenheiten.

Dazu kamen seine Familie und die vielen kleinen Geschichten, die Markus zu genau dem Menschen gemacht hatten, der er war.

Je länger wir miteinander sprachen, desto klarer wurde eine Sache:

Dieser Abschied durfte nicht irgendein Abschied werden.

Er musste zu Markus passen.

Wenn der Redner plötzlich selbst Teil der Geschichte ist

Für mich war die Situation noch aus einem anderen Grund besonders.

Markus und ich kannten uns seit unserer Schulzeit. Sechs Jahre lang waren wir gemeinsam in einer Klasse an der Realschule Schramberg.

Wir waren jung, hatten unseren eigenen Kopf und waren ziemlich überzeugt davon, das Leben bereits gut verstanden zu haben. Heute wissen wir vermutlich beide, dass das etwas optimistisch war.

Trotzdem waren es wilde und prägende Jahre.

Und „de Wacker“ war mittendrin.

Später verloren wir uns ein Stück weit aus den Augen, weil sich unsere Lebenswege veränderten. Jeder ging seinen eigenen Weg und setzte andere Prioritäten.

2007 kreuzten sich unsere Wege schließlich wieder. Erstaunlicherweise war die alte Vertrautheit sofort wieder da.

Ein Jahr später besuchte ich Markus in Berlin. Wir hatten ein gemeinsames Website-Projekt zu besprechen. Damals lebte er in einer kleinen Wohnung in Berlin-Kreuzberg.

Auch das war typisch Markus.

Ein Leben, das sich nicht unbedingt nach den üblichen Vorstellungen richtete.

Wer war eigentlich dieser „Wacker“?

Markus war vieles.

Er arbeitete zunächst als Elektroniker, war später im Garten- und Landschaftsbau sowie auf verschiedenen Baustellen tätig und machte sich schließlich als Webdesigner selbstständig.

Sein Leben führte ihn von Rötenberg nach Schiltach, für rund zehn Jahre nach Berlin und später wieder zurück in den Schwarzwald.

Berufsbezeichnungen und Wohnorte erzählen allerdings nur einen kleinen Teil einer Lebensgeschichte.

Markus war vor allem ein Lebenskünstler.

Als Musiker, Rebell und Punker war er häufig dort zu finden, wo Mainstream eher keine Rolle spielte. Konzerte und Festivals gehörten zu seinem Leben. Gleichzeitig war er ein tierlieber Hundefreund und gerne mit seinem alten VW T3 unterwegs.

Mit seiner früheren Band Grotesque 9 stand er selbst auf der Bühne und spielte E-Bass.

Vor allem aber hatte Markus seinen eigenen Kopf. Er betrachtete die Welt aus seiner ganz persönlichen Perspektive und hatte offenbar wenig Bedürfnis, sich dafür von anderen bestätigen zu lassen.

Seine Gelassenheit war legendär

Diese Eigenständigkeit bedeutete allerdings nicht, dass Markus andere Menschen überzeugen oder von seiner Sichtweise begeistern musste.

Im Gegenteil: Er konnte andere Menschen so sein lassen, wie sie waren.

Er musste niemanden missionieren und wollte sich selbst ebenfalls nicht verbiegen lassen. Genau diese Haltung machte seine besondere Form von Toleranz aus.

Außerdem konnte ihn kaum etwas aus der Ruhe bringen.

Während andere längst hektisch wurden, blieb Markus entspannt. Selbst seine notorische Unpünktlichkeit konnte daran wenig ändern – auch wenn sie die Geduld seiner Mitmenschen gelegentlich ziemlich auf die Probe stellte.

Wer sich mit ihm verabredete, brauchte deshalb vor allem eines:

Zeit.

Dazu kam sein trockener, manchmal schwarzer und ziemlich sarkastischer Humor. Bei manchen Sprüchen musste man zunächst überlegen, ob er das gerade tatsächlich ernst gemeint hatte.

So war „de Wacker“.

Ein bisschen anders, ein bisschen eigen und manchmal sicher auch ein bisschen verrückt.

Vor allem aber blieb er immer ganz er selbst.

Musik gehörte zu seinem Leben

Musik war für Markus weit mehr als etwas, das im Hintergrund lief.

Er hörte sie nicht nur, sondern erlebte sie. Deshalb gehörten Konzerte und Festivals ebenso zu seinem Leben wie die Zeit mit seiner früheren Band Grotesque 9.

Auch bei seinem Abschied durfte die Musik deshalb nicht fehlen.

The Rolling Stones, Motörhead und Iron Maiden begleiteten den letzten Weg.

Allein diese Auswahl erzählte bereits einiges über Markus.

Und spätestens bei „Killed by Death“ war klar, dass dieser Abschied kein klassischer Abschied werden würde.

Das musste er auch gar nicht sein.

Ein persönlicher Abschied beginnt mit Zuhören

Genau hier liegt für mich eine der wichtigsten Aufgaben eines Trauerredners.

Eine gute Trauerrede entsteht nicht erst am Schreibtisch. Sie beginnt viel früher – nämlich im Gespräch mit den Angehörigen.

Wer war dieser Mensch?

Was hat ihn bewegt?

Was war ihm wichtig?

Welche Geschichten werden immer wieder erzählt?

Was haben andere an ihm geliebt und geschätzt?

Und vielleicht ebenso wichtig: Welche Eigenheiten gehörten einfach zu ihm?

Erst wenn diese Fragen Raum bekommen, kann ein persönlicher Abschied entstehen.

Bei Markus war deshalb schnell klar, dass eine glatte Standardrede nicht gepasst hätte.

Er hätte vermutlich wenig davon gehalten, sein Leben mit großen, feierlichen Worten zu überhöhen. Viel wichtiger war es, ihn so zu zeigen, wie er tatsächlich war: eigen, tolerant, musikalisch, gelassen und mit einem ganz eigenen Humor.

Ein letzter Weg, der zu Markus passte

Am Dienstag, dem 11. August, trafen wir uns auf dem Friedhof in Rötenberg.

Die Urne wurde nach der Trauerfeier zu ihrem Platz unter einem Baum begleitet.

Kein großes Drumherum.

Ein Baum.

Und irgendwie passte genau das zu Markus.

Bevor er dort seinen letzten Platz bekam, gab es allerdings noch einen ganz persönlichen Moment:

einen letzten Jägermeister am Grab.

Wir stießen auf ihn an und sagten:

„Auf Dich, Wacker. Prost.“

Auch eine sehr persönliche Grabbeigabe gehörte zu diesem Abschied: Cannabisblüten wurden Markus mit auf seinen letzten Weg gegeben.

Für Außenstehende mag das ungewöhnlich sein. Für die Menschen, die Markus kannten und liebten, war es jedoch eine persönliche Geste, die zu seinem Leben und seiner Art passte.

Genau darum geht es bei einem persönlichen Abschied.

Nicht darum, möglichst spektakulär zu sein. Vielmehr sollte sich der Abschied stimmig anfühlen und etwas vom Menschen erzählen, von dem man sich verabschiedet.

Der Abschied endete nicht am Grab

Nach der Beisetzung war der Tag noch nicht vorbei.

Gemeinsam ging es in Markus‘ Garten, zu seinem geliebten Gartenhaus.

Dort wurde zusammengesessen, getrunken und geraucht. Vor allem aber wurden Geschichten erzählt.

Es wurde sich erinnert. Und vermutlich wurde auch gelacht.

Denn Trauer muss nicht immer still sein. Gerade wenn ein Mensch einen besonderen Humor hatte, darf auch ein Abschied diese Seite zeigen.

Manchmal erzählt jemand eine Geschichte, die man seit Jahren nicht mehr gehört hat. Plötzlich ist dieser Mensch wieder ganz präsent.

Für einen Moment fühlt es sich fast so an, als wäre er noch dabei.

Was dieser Abschied auch mit Bestattung zu tun hat

Die Geschichte von Markus zeigt für mich deshalb noch etwas Grundsätzliches:

Die Wahl des Bestatters und des passenden Trauerredners ist keine Nebensache.

Ein Bestatter sollte seine Redner kennen und einschätzen können, welcher Mensch zu welcher Familie und zu welchem Verstorbenen passt.

Denn eine Trauerfeier ist keine Dienstleistung von der Stange. Sie braucht Zeit, Interesse und die Bereitschaft, wirklich zuzuhören.

Deshalb gilt auch hier: „Billig“ ist nicht automatisch günstig.

Der Unterschied zeigt sich nämlich nicht unbedingt auf der Rechnung. Er kann sich vielmehr darin zeigen, wie viel Zeit sich jemand für die Angehörigen nimmt, welche Fragen gestellt werden und ob am Ende tatsächlich die Persönlichkeit des Verstorbenen sichtbar wird.

Wenn wichtige Geschichten nicht erzählt werden oder Angehörige das Gefühl bekommen, dass ihre Wünsche kaum interessieren, fehlt etwas Entscheidendes:

Persönlichkeit.

Zeit für einen Menschen

Genau deshalb bin ich Teresa dankbar, dass sie an diesem Samstagabend noch zum Telefon gegriffen hat.

Dass sie meine Telefonnummer auf Markus‘ Handy gefunden hat.

Und dass wir uns um 21 Uhr zusammengesetzt haben.

Denn in diesen wenigen Tagen entstand nicht einfach eine Trauerrede. Wir haben gemeinsam einen Abschied vorbereitet, der Markus Wacker gerecht werden sollte.

Dabei gehörten ganz unterschiedliche Elemente zusammen: Die passende Musik erinnerte an seine Leidenschaft für Rock und Punk, persönliche Geschichten machten sein Leben greifbar und auch Humor durfte seinen Platz behalten. Selbst die Momente am Grab wurden bewusst so gestaltet, dass sie zu Markus passten – bis hin zum gemeinsamen Jägermeister und der persönlichen Grabbeigabe.

Vor allem aber stand eines im Mittelpunkt:

Das hier ist Markus.

Ein Mensch lässt sich niemals vollständig in Worte fassen. Dafür ist ein Leben viel zu groß und viel zu vielfältig.

Aber man kann versuchen, die richtigen Geschichten zu finden.

Die richtigen Erinnerungen.

Die richtigen Worte.

Und manchmal auch den richtigen Jägermeister.

Bei Markus war das vielleicht die passendste Form von Abschied.

Rest in Peace, Wacker.

Und danke für ein Stück gemeinsame Geschichte.

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